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Presseinformation 01.07.2007

Hohenloher Entwicklungspolitik

FAZ, 01.07.2007, Nr. 26, S. 7, "Politik", Artikel v. Rüdiger Soldt:
Früher war den Norden Württembergs das Armenhaus, heute ist er Modellregion. Sogar die Bauern sind zufrieden.

Geifertshofen., 1. Juli. Frau Schmidt führt oft Besucher durch den Kühlraum, in dem wagenradgroße Käse reifen, oder auch durch den Produktionsraum, in dem die Milch in großen Kesseln schäumt. „Bis zu 9500 Liter Milch fließen durch das Kupferrohr. Dann kommen Milchsäurebakterien dazu, die Milch säuert, schließlich mengen wir Kälberlab bei“, sagt die Chefin der Biokäserei.

Wie man guten Käse macht, hat sie in der Schweiz gelernt. Der Hohenloher Käse ist in den Markhallen Baden-Württembergs gefragt, die silagefreie Milch der Bauern reicht aber nicht mehr aus, damit Frau Schmidt die Mengen herstellen kann, die von den Kunden verlangt werden. Einige Bauern haben sich entschlossen, Mais und Raps für Biogasanlagen anzubauen.

Geifertshofen, das Dorf mit der Käserei in der Ortsmitte, liegt in der Region Hohenlohe zwischen dem Taubertal im Norden, Schwäbisch Hall im Süden, den Löwensteiner Bergen im Westen und der Frankenhöhe im Osten. Im neunzehnten Jahrhundert war Hohenlohe das Armenhaus Württembergs. Die Menschen wanderten in die Industriestädte ab. Manch Stuttgarter Dienstmädchen stammte von dort. Bis in die fünfziger Jahre sangen die Regionalpolitiker das Jammerlied von der regionalen Strukturschwäche. Heute ist der Hohenlohekreis von der demographischen Entwicklung her gesehen der zehntbeste in Deutschland. Und Künzelsau gehört zu den Städten in Deutschland mit den besten Zukunftsaussichten. Das liegt nicht nur an Unternehmern wie dem „Schraubenkönig“ Reinhold Würth oder an der früheren freien Reichsstadt Schwäbisch Hall, die genaugenommen nie zu Hohenlohe gehörte. Würths Geld, das den Bau der Kunsthalle in Schwäbisch Hall ebenso möglich machte wie die derzeitige Restaurierung des Schlosshotels Friedrichsruhe bei Zweiflingen, hat Hohenlohe kulturell und touristisch bereichert.

In der Region paart sich erfolgreich eine funktionierende mittelständische Unternehmerschaft mit einer Landwirtschaft, die ihre Produkte wieder selbst vermarktet, ihr Fleisch wieder selbst vermarktet, ihr Fleisch wieder selbst zu Wurst oder die Milch zu Käse verarbeitet und so sogar neue Arbeitsplätze entstehen lässt. Vier Wirtschaftscluster gibt es in der Region Hohenlohe: Würths Schraubenproduktion, dann die Motoren- und Ventilatorenfertigung in Mulfingen, einen Hersteller von Ventilen in Ingelfingen sowie eine Fabrik für Verpackungsmaschinen. Diese Wirtschaftsstruktur sowie relativ große, nicht von der Realteilung zerstückelte Bauernhöfe mit einer Größe von 20 Hektar und der Hohenloher Eigensinn sind die Voraussetzungen für die Prosperität der Region. Hohenlohe ist eine von 18 deutschen Modellregionen, in der sich eine regionale, umweltverträgliche, zum Teil ökologische Landwirtschaft hervorragende entwickelt. Im Tal von Kocher und Jagst wächst Dinkel, und die Schweine laufen auf der Weide herum – die Dichte an Biobauernhöfen in diesem Landstrich östlich von Heilbronn ist größer als anderswo. Gemessen an der Produktion im Agrarland Baden-Württembergs ist der Anteil der Biobetriebe aber immer noch relativ gering: Es sind nur sechs Prozent aller Bauernhöfe. Zwischen 1994 und 2004 ist der Agrarsektor in den Landkreisen Schwäbisch Hall und Hohenlohe mit 600 Millionen Euro subventioniert worden. Ein Wachstumsmarkt sind regional produzierte Lebensmittel dennoch. Die Nähe der kleineren Städte zu den Dörfern und das Regionalbewusstsein erleichtern es den Bauern, ihr Fleisch oder ihre Äpfel zu verkaufen.

„In Hohenlohe gibt es schon seit langem eine intensive Zusammenarbeit von Landwirten und Wirtschaftsförderung. In der Region Odermündung hat das nicht funktioniert“, sagt Dirk Schubert, Projektleiter von „Regionen Aktiv“. Schubert sieht im Hohenlohischen durchaus ein Vorbild für die künftige Entwicklung des ländlichen Raumes. „Die Landwirte, die nicht für den Weltmarkt produzieren, die setzen auf regionale Produkte und Qualität. Das sind Nischen, aber sie funktionieren.“ Am Schlachthof in Schwäbisch Hall könne man sehen, dass es richtig sei, in die Zukunft investieren, und falsch, ausschließlich Produkte zu subventionieren. Gegen den anfänglichen Widerstand der Bauernverbände bildeten sich in Hohenlohe Erzeugergemeinschaften, die heute größtenteils profitabel arbeiten. Sie zahlen den Bauern 25 Prozent mehr, als marktüblich ist, haben aber auch wesentlich strengere Qualitätskriterien.

Der ökonomische Trick ist simpel: In den siebziger Jahren lud man Schweine in Lastwagen, heute schlachtet man sie in Schwäbisch Hall und vermarktet sich auch in der Region. Es gibt eine Erzeugergemeinschaft für Streuobst, die Molkerei Schrozberg und natürlich die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, gegründet von Rudolf Bühler, einem Querkopf, der das Schwäbisch-Hällische Landschwein wiederentdeckte und der sich heute als Bauernoppositioneller gut selbst vermarktet. „Bin ein Hohenloher Bauer, scher mich nicht um fremde Herren, ziehe keine fremden Kärren“, heißt es in einem Bauernlied. Bühler, der den Hohenloher Rezzo Schlauch zu seinen Freunden zählt, hat sich diese Tradition zu eigen gemacht: Mehr als 980 Bauern sind Mitglied seiner Erzeugergemeinschaft. Sie füttern Schweine nach strengen Qualitätsrichtlinien. 4000 Tiere schlachten die Metzger im eigenen Schlachthof der Erzeugergemeinschaft pro Woche, 1000 hiervon sind Schäbisch-Hällische Landschweine. „Wer die Wertschöpfungsketten zurück in die Region verlagert, stärkt die Region – das ist im Grunde Entwicklungspolitik“, sagt Bühler. Das Fleisch aus Bühlers Schlachthof kaufen nicht nur Gourmetrestaurants, auch ein großer Lebensmittelkonzern hat es im Programm. 50 Millionen Euro Umsatz macht die Erzeugergemeinschaft mittlerweile. Als vor kurzem die EU-Kommisarin Mariann Fischer-Boel die Schlachterei in Schwäbisch Hall besuchte und zwischen Schweinehälften durch die Schlachthalle ging, sagte Bühler: „Wissen Sie, wir haben mit 900 Mitgliedern unsere maximale Größe erreicht, und wir sind zufrieden.“ Ein Mitglied der EU-Delegation konnte sich da einen Kommentar nicht verkneifen: „Wenn ein Bauer sagt, er ist zufrieden, muss man vorsichtig sein.“

 
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